Handball und Kannibalismus

Joh 06, 55-65                                     6,55 Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank.
6,56 Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt,
der  bleibt in mir und ich in ihm.
6,57 Wie mich der lebendige Vater gesandt hat
und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch,
wer mich ißt, leben um meinetwillen.
6,58 Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit.
6,59 Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte.
6,60 Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie
hören?

 

Liebe Gemeinde,

Jesus provoziert: ganz gezielt bricht er ein Tabu: ich habs gesehen, wie Sie unmerklich bei der Verlesung zusammenzuckten -

Sein Fleisch essen, sein Blut trinken?

Im Original sogar „trogein" - daher kommt unser Wort Trog, „fressen". Knochen abnagen. Ich denke da ein Raubtier, dass ein frisch gejagtes Wild frisst und wie verrückt vor Gier und Erregung herumwühlt in Blut und Fleisch.

Menschenfleisch. Jesus redet auch wirklich von Fleisch und nicht von Leib wie beim Abendmahl. Anklänge an Kannibalismus!?

Das ist eine harte Rede, sagen viele Jünger und wenden sich ab.

Vielleicht haben Sie jetzt auch schon innerlich die Ohren auf Durchzug geschaltet. Was zu viel ist, ist zu viel. Was für ein brutaler Predigttext für diesen schönen Frühlingstag!

Aber warum provoziert Jesus? Sein Fleisch fressen, sein Blut trinken?

Auffallen um jeden Preis? Liebe Gemeinde, in der Werbung hat man festgestellt, dass Provokation und auffallen um jeden Preis nicht alles ist. Abstoßende Werbung kann einer Marke enormen Schaden zufügen, zB die Bekleidungsfirma Benetton, deren Fotograf Oliver Toscani blutbespritzte T-Shirts zeigte, von einem Menschen, der von einem Panzer überrollt wurde, Magersüchtige und Aidskranke in Benetton- Kleidung. Über die Kampgne redet man immer noch, die Marke aber macht jetzt wieder genauso brave und angepasste Werbung wie alle anderen auch. Nur auffallen um jeden Preis fällt bei der Kundschaft durch.

Ein Greuel ist es für ein frommen Juden überhaupt Blutprodukte zu genießen. Das Blut der Schlachttiere muss komplett zurück auf die Erde fließen. Nichts mit Blutwurst. Ein Horror ist es, das Brot essen mit einem fleischfressenden Raubtier zu vergleichen.

Warum so drastisch, Jesus? Fressen und saufen ist schon schlimm genug in der Fastenzeit. Aber Menschenfleisch und Blut? Was regt dich so auf? Ich bin das Brot der Welt- das ist ja schon mutig, aber warum diese kannibalistische Zuspitzung?

Ist das nicht ein zutiefst unglückliches Bild und vertreibt die Leute?

Wollt ihr nicht auch davongehen, fragt Jesus einmal den Thomas, den Zweifler und Zwilling? Und der Antwortet: Herr, wohin, - du hast Worte des ewigen Lebens.

Herr: Ist es gar nicht dein Ziel, dass alle zu dir kommen und alle dich verehren?

Willst du uns auch noch vertreiben? Die letzten Getreuen?

Jesus ist wütend: die Menschen sehen in ihm den Wundertäter und wollen ihn zum Brotkönig machen. Das Fressen kommt vor der Moral, klar. Ein Schlaraffenland, Manna und Wachteln jeden Tag, wünschen sie sich und wir Menschen laufen jedem hinterher, der uns das verspricht.

Essen hält Leib und Seele zusammen, hat wohl Luther gesagt. Und deshalb fasten wir in der Passionszeit auch nur sehr sehr „symbolisch". Schlachtessen bei der Feuerwehr, Fastenbrechen mit Kirchenwein in der den Kirchengemeinden, am Freitag Spanferkel zum 125 jährigen Jubiläum der Ankunft Johann Flierls in Papua-Neuguinea. Es fällt schwer, auch nur minimale Ziele durchzuhalten, wenn man eingeladen ist und das Fest nicht vermiesen will. Es kommt angesichts des Leidens der Missionare und des Leidens von Jesus mir auch ein wenig homoöpathisch vor, unser Verzicht auf Schokolade oder anderes.

Jesus ist so drastisch, weil er auf etwas anderes hinauswill. Gestern habe ich mal wieder Handball in der Sickergrundhalle gesehen. Ich bin da ja auch nur ein lauer Besucher bei den Zelebrationen der Spiele.

Und ich wollte gehen, so brutal kam es mir vor. Wie die Jungs da ohne den Radovan kämpften und bissen und den Sieg um jeden Preis wollten. Wie die Zuschauer die Schiedsrichter provozierten und beschimpften, die schweren Verletzungen - ich bin ja Judo-Kämpfer und kann Blut sehen. Die Kunst ist beim Judo in der höchsten Anspannung ruhig zu bleiben. Während alle um mich herum höchst erregt waren, blieb ich also cool und analysierte. Und dachte an den Predigttext: wer mein Fleisch nicht frisst und mein Blut nicht säuft....

Es ist faszinierend, wie da unsere jungen Rödelseer und Wahlrödelseer ihre Gesundheit, ihren Leib und ihr Blut hingeben. Einer für den anderen und alle gegen die anderen. Da krachen die Knochen und reißen die Bänder, Schulter-Gelenke werden ausgekugelt - es hat etwas Drastisches wie die Worte Jesu. Wie die Fans hinter ihren Jungs stehen. Eine Leidenschaft und ein Einstehen, wie das gemeinsame Ziehen in den Krieg. Deshalb fällt sogar das friedliche Abklatschen hinterher schwer. Aber es kommt die Feier hinterher, das sich betrinken und reden, Passionszeit hin oder her. Was für ein Schauspiel und was für eine Leidenschaft auf dem Platz. Sicher wollen das nicht alle Leute sehen und so ihre Gefühle ausleben.

Aber Jesus zeigt uns unsere Leidensfähigkeit wie in einem Spiegel.

Was für eine Sehnsucht, was für eine Mords-Kraft, was für Überlebensfähigkeit und Opferbereitschaft ist da in uns Menschen. Wir sind eben auch das mit Abstand erfolgreichste Raubtier der Evolution ...

Und Menschen opfern sich bewusst für andere: seien es Mütter für ihre Kinder oder Arbeiter im zerstören Atomkraftwerk Fukushima.

Und Jesus: Ich bin so wie ihr. Das Wort wurde FLEISCH. Johannes hätte auch Leib, oder Mensch schrieben können. Nein FLEISCH. Die Gier nach Fleisch, die Lust, die Leidenschaft, das rauschende Blut, das ist da alles drin und erweckt Anstoß. Jesus ist nicht ein blutleerer Intellektueller, der Menschen mit seinem Füller umbringt.

Nein - dieser Gott ist Fleisch und Blut geworden wir und doch vollständig Gott geblieben. Leidenschaftlich bringt er sich zum Opfer den rasenden Massen, den aufgebrachten Führern in ihrer Ratlosigkeit und ihren mörderischen Machtintrigen. Was für eine Leidensfähigkeit sehen wir da bei Jesus! An seinem Leben, Leiden, seiner Passion an uns Menschen. Wer nicht an seinem Opfer teilhat, wem seine Passion nicht in Fleisch und Blut übergeht, der kann auch gehen. Der Kampf geht aber nicht gegen andere, sondern gegen uns selbst. Selbst zum Opfer zu werden. Fleisch ist zu nichts nütze - sagt Johannes.

Fleisch und Blut kann nicht das Reich Gottes erben, sagt Paulus.

Nur der Geist macht lebendig? 

Vielleicht, kann ja sein - aber durch Fleisch und Blut, mit diesem Leib als Einsatz werden wir hindurch gerettet und gezogen durch die Leiden unseres Herrn Jesus Christus.

 

Eine Leidenschaft, die wir bei uns anscheinend nur noch beim Sport erleben dürfen.

In der Kirche finden wir diese Leidenschaft Jesu selten. Wenn ich da an unsere Bischofswahl denke, wird mir ganz anders. Wie cool das abläuft, als ginge es um einen Verwaltungsratvorsitzenden.

Es scheint, dass wir Angst haben in Deutschland vor dem religiösen Feuer, dessen Glut noch lange nicht verloschen ist.  Nur nicht übertreiben sagen wir Pfarrer dann und dämpfen das Feuer wie gebrannte Kinder.

Daher kann es sein, dass wir uns ablenken mit der Beschäftigung mit unserem Körper und unserer Lust. Mit Spielen und Nichtigkeiten. Das ist nicht so schlimm.

Aber leidenschaftslos darf unser Glaube nicht sein. Nichts was nur im Kopf stattfindet. Das wird Jesus richtig wütend. Die Spiel-Regeln sind uns bekannt.

Die hat Jesus aufgestellt.

Den Einsatz hat er gebracht. Und nun sind wir dran. AMEN.